Eines Tages rief mich ein Mann an, der Heilung für seinen kranken Hund suchte. Er wollte von mir hören, was die Homöopathie für ihn tun könne. Ich war in seinem Fall recht optimistisch, doch der Mann beendete das Telefonat mit den Worten: „Ach, nein. Man hört ja immer wieder, Homöopathie ist nur Placeboeffekt.” Ich war verblüfft. Dieser Mann zog es vor, dass sein Hund krank blieb, statt durch einen Placeboeffekt geheilt zu werden. Als sei Heilung durch den Placeboeffekt etwas Schlimmes, etwas, das man unbedingt vermeiden müsse.

Dieser Eindruck beschleicht einen auch, wenn man die ewig gleichen Diskussionen um die Homöopathie in den Medien verfolgt. Das wichtigste Argument der Kritiker: In den Arzneien seien keine Wirkstoffe enthalten. Als jemand, der seit über 15 Jahren tagtäglich mit der Wirkung der Homöopathie arbeitet, kommt mir dieses Argument ebenso absurd vor, als würde jemand die Schwerkraft leugnen. Sollten wir wirklich auf dieser Ebene mit unseren Kritikern diskutieren?

Die homöopathischen Therapeuten, die das tun, laufen gegen die viel zitierte Wand. Wir sehen, wie Homöopathen ihren Kritikern die Schwerkraft am berühmten Apfelbeispiel erklären wollen, und die Angesprochenen schließen die Augen, halten sich die Ohren zu und sagen immer wieder „Neinneinnein”. Jeder halbwegs vernünftige Mensch muss zu dem Schluss kommen: „Hört mal, ich will es euch ja erklären. Ihr lasst es aber nicht zu. Ich komme gerne dann wieder, wenn ihr bereit seid, mir zuzuhören.”


Dogmatischer Materialismus

Lesen wir das Gedicht „Mondnacht” von Joseph von Eichendorff. Viele Menschen sind von diesem Gedicht tief ergriffen. Manche rührt es sogar zu Tränen. Besonders jene, die gerade einen nahen Angehörigen verloren haben, fühlen sich von den Zeilen angesprochen und getröstet. Nicht selten erscheint die letzte Strophe des Gedichts in Traueranzeigen:

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst'.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Wie schön! Wir lassen die letzten Zeilen des Gedichts noch in uns nachklingen, wenden uns mit tränenfeuchten Augen erwartungsvoll dem Kritiker zu und hören ihn sagen: „Es ist vollkommen unmöglich, dass Sie wegen dieser Zeilen weinen! Schließlich handelt es sich nur um schwarze Tinte auf weißem Papier!” Und während wir uns noch die Nase putzen und ihn verwirrt anschauen, legt er nach: „Das ist wissenschaftlich erwiesen!” Ach so! Na, dann wäre das ja geklärt.

Ein anderes, weit profaneres Beispiel: In Erwartung unseres Enkelchens kommen mein Mann und ich auf das Thema Namensgebung und verlassen schon bald seriöses Gelände: „Und dann war da noch Frau Grube, die ihre Tochter Claire nannte...” werfe ich ein. Über diese Bemerkung muss er den ganzen Tag immer wieder lachen, wenn er nur daran denkt. „Kann nicht sein”, hören wir unseren Kritiker, die alte Spaßbremse. „Es sind Schallwellen auf das Trommelfell getroffen und haben es in Bewegung gesetzt. Noch nie hat jemand nachgewiesen, dass Bewegungen des Trommelfells ursächlich Bewegungen des Zwerchfells auslösen.” Wie gut, dass da mal jemand nüchtern drauf schaut!

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schreibt Dr. Hahnemann in der Anmerkung zum §11 in der 6. Auflage des Organon, dem Grundlagenwerk der Homöopathie: „Ist es denn unserm, als so reich an aufgeklärten und denkenden Köpfen gerühmten Zeitalter so ganz unmöglich, dynamische Kraft als etwas Unkörperliches zu denken, da man doch täglich Erscheinungen sieht, die sich nicht auf andere Weise erklären lassen! Wenn Du etwas Ekelhaftes ansiehst und es hebt sich in Dir zum Erbrechen, war da etwa ein materielles Brechmittel in Deinen Magen gekommen, was ihn zu dieser antiperistaltischen Bewegung zwang? War es nicht einzig die dynamische Wirkung des ekeln Anblicks auf Deine Einbildungskraft allein? Und, wenn Du Deinen Arm aufhebst, geschieht es etwa durch ein materielles, sichtbares Werkzeug? Einen Hebel? Ist es nicht einzig die geistartige, dynamische Kraft Deines Willens, die ihn hebt?” Bis heute, bis in die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts hinein, behält diese Frage ihre Gültigkeit.

Unsere Arzneien wirken NICHT auf der materiellen Ebene - soweit dies mit den heutigen Methoden nachweisbar ist. Da bin ich mit allen Kritikern der Homöopathie vollkommen einer Meinung. Und: SIE WIRKEN! Es ist jedoch nicht möglich, diese Wirkung zu sehen, wenn man sich weigert, eine Welt anzuerkennen, die über einen dogmatischen Materialismus hinausgeht.


Homöopathie ist Kunst

Nicht ohne Grund heißt die zentrale Schrift der Homöopathie „Organon der HeilKUNST” statt „Handbuch des homöopathischen Therapieverfahrens”. Denn es handelt sich bei der Homöopathie nicht um eine Technik, wie beispielsweise die Kieferchirurgie. In einem solchen Fach müssen die Ergebnisse für alle Menschen beim Einsatz gleicher Methoden nachvollziehbar sein und die angewandten Verfahren regelhaft und überprüfbar sein - so gibt es die Naturwissenschaft vor.
Dieser Maßstab kann für eine Heilkunst, ebenso wie für andere Künste wie Literatur, Musik und Malerei, nicht gelten. Natürlich gibt es auch für die Homöopathie Regeln, die jeder Homöopath lernt und anwendet, so wie ein Musiker Musiktheorie lernt und ein Instrument beherrscht. Ob uns jedoch ein Lied berührt, etwas in uns verändert, das ergibt sich erst aus der individuellen und kunstvollen Anwendung dieser Fertigkeiten. Und die Wirkung ist nicht zu jeder Zeit und für jeden Zuhörer gleichermaßen wiederholbar.

Vor fünf Jahren demonstrierten Homöopathie-Kritiker in einem Selbstversuch die vermeintliche Unwirksamkeit der Homöopathie, indem sie größere Mengen einer potenzierten Arznei einnahmen, ohne anschließend eine Wirkung festzustellen. Stellen wir uns einmal folgende Szene vor: Vor einer Berliner Musikalienhandlung trifft sich eine Gruppe von Kritikern, von denen keiner ein Instrument beherrscht. Sie kaufen sich jeder eines, stellen sich in die Fußgängerzone und bearbeiten es nach Belieben. Die Zuhörer wenden sich mit Grausen. „Da seht ihr es”, sagen die Kritiker. „Wir haben doch gewusst, dass man mit diesen Dingern keine Musik machen kann.”

Eine homöopathische Heilung ist eine Kunst, die über Jahre erlernt sein will. Sie funktioniert über den Weg der Erkenntnis. Der Organismus - Körper und Seele - erkennt seine Fehlfunktionen und ändert sie. Jede einzelne Zelle erkennt, was sie zu tun hat, damit der Patient wieder gesund werden kann. Und das Wort „Erkennen” kann dabei nicht mehr als eine Annäherung an das sein, was vor sich geht, denn das passende Wort dafür muss erst noch gefunden werden.

Mit der Wahl unseres homöopathischen Mittels spiegeln wir den Zustand des Patienten. Wir zeigen ihm einen ähnlichen Zustand. Wir teilen dem Patienten auf diese Weise mit: „Ich sehe Dich und die Gesundheit, die für Dich möglich ist.” Die Heilung erfolgt über eine Art Erkenntnis, eine Art Bewusstwerdung, vielleicht auch eine Art Vereinigung. Der Kritiker nennt es: „Placeboeffekt”.

Für eine neue Generation aufgeschlossener Wissenschaftler wäre dies ein extrem spannendes Forschungsfeld. Doch woher die finanziellen Mittel nehmen in einem Umfeld, in dem ein nicht unwesentlicher Teil der Forschung durch Wirtschaftsunternehmen finanziert wird? Und wo Gehör finden, wie die Erkenntnisse der Öffentlichkeit mitteilen in einer Medienlandschaft, die von plakativer Konfrontation lebt? Zwar gibt es mutige Wissenschaftler mit Forschergeist, doch in Diskussionen ergeht es ihnen nicht viel anders als den Homöopathen. Noch fürchten viele, ihren Ruf als ernstzunehmende Wissenschaftler zu verlieren, wenn sie sich auf diesem Gebiet engagieren.

Was bewegt einen Wissenschaftler, die Homöopathie mit dem Argument zu kritisieren, in den Arzneien seien keine Wirkstoffe enthalten? Müsste ein wahrer Forscher nicht gerade daran interessiert sein, wie die Arzneien bei homöopathischer Anwendung auch ohne Wirkstoffe wirken? Irgendetwas ist in diesem „Wasser”, in diesen „Zuckerkügelchen”, das - teilweise sogar spektakuläre - Veränderungen bei dem Patienten bewirkt. Wäre es für einen ernstzunehmenden Wissenschaftler nicht spannender, dieser Frage nachzugehen, als in Talkrunden herumzunörgeln?

Gilt es denn nicht, das große Potential von Therapien auszuloten, die nicht-materiell vorgehen, wenn sie so vielen Menschen und Tieren helfen, gesünder zu werden? Wollen unsere Kritiker ihre Scheuklappen aufbehalten und lieber krank sein und krank bleiben, nur damit sie ihr Weltbild des dogmatischen Materialismus nicht in Frage stellen müssen?
So sieht es aus.

Von Sir Arthur Eddington, einem englischem Astrophysiker, ist folgende Parabel überliefert: Angenommen, ein Fischforscher untersucht das Leben im Ozean. Er wirft sein Netz ins Wasser und stellt nach der gründlichen Untersuchung seines Fangs fest, dass alle Fische im Ozean größer sind, als fünf Zentimeter. Dies lässt sich auch mit jedem weiteren Fang beweisen und er erklärt dem staunenden Publikum: „Alle Fische sind mindestens fünf Zentimeter groß.” Als ihn ein unvoreingenommener Beobachter darauf hinweist, dass sein Netz aus fünf Zentimeter großen Maschen bestehe und er deshalb zwangsläufig keine kleineren Fische fangen könne, antwortet der Fischforscher: „Alles, was ich mit meinem Netz nicht fangen kann, liegt prinzipiell außerhalb der Fisch-Wissenschaft.” [1] Auch der inzwischen verstorbene Physiker und Leiter des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik Hans-Peter Dürr bediente sich dieses Beispiels, um die Ignoranz von Teilen des Wissenschaftsbetriebs zu illustrieren. Die Idee, ihre Nachweismethode könne unpassend oder vielleicht noch nicht ausgereift sein, kommt ihnen nicht.
Mein ehemaliger Homöopathie-Lehrer drückte es so aus: „Wenn Du Sterne sehen willst, dann schaue nicht mit dem Mikroskop in den Himmel.”


Laien reden über Homöopathie

Die sogenannten Experten aus Funk und Fernsehen sind in erster Linie Experten des dogmatischen Materialismus. Sie sind die Wissenschaftler alter Schule. Die Forscher, die den Tieren in ihren Versuchen Ziffern statt Namen gaben und ihr Verhalten „Reflexe” nannten. Es sind „Experten”, die glauben, dass homöopathische Arzneien Wasser und Zuckerkügelchen sind.

In Bezug auf die Homöopathie sind diese Menschen Laien. Sie wissen nichts darüber. Sie haben die Kraft der Arzneien nie erlebt und wollen sie auch nicht erleben. Sie haben sich nicht mit den Regeln der Anwendung beschäftigt. Sie schauen sich die Heilerfolge nicht an. Warum sollten wir ihre Meinung ernst nehmen, warum mit ihnen über Homöopathie sprechen?

Diskutiert Isabell Werth, mehrfache Dressurweltmeisterin, in einer Talkrunde über den Weg zur Trabverstärkung mit einem Menschen, dessen Reiterfahrung sich darauf beschränkt, als Kind auf einem Schaukelpferd gesessen zu haben? Oder darüber, wie man das Pferd dabei unterstützt, sich aufzurichten? Und heimlich fragt sich der Schaukelpferdreiter anschließend in seiner Garderobe: „Wieso aufrichten? War es denn umgefallen, das Pferd?”

Für uns Homöopathen wird es Zeit, die Diskussionen mit selbsternannten Experten zu beenden. Sehen wir es ein: Es ist nicht möglich, auf diesem Weg zu einer Verständigung zu kommen. Wir reden zwangsläufig aneinander vorbei. Überlassen wir die Kritiker eine Weile sich selbst und machen wir ohne sie weiter. Wir sparen viel Zeit und Energie, die wir sinnvoller einsetzen können: Ja, organisieren wir uns! Ja, engagieren wir uns für unseren Beruf! Ja, kämpfen wir für unsere Berufsfreiheit! Ja, verbessern wir unsere Schulen! Ja, informieren wir interessierte Menschen über die Chancen, die unsere Heilkunst bietet! Und vergessen wir die Typen mit den Scheuklappen.

Und wenn sie uns dann am Hemdchen zupfen, dann sagen wir: Unser Motiv ist es, zu helfen und zu heilen, und zwar sanft, schnell, gewiss und dauerhaft. Wenn ihr etwas über Homöopathie wissen wollt, dann bringen wir es euch gerne bei. Ansonsten nutzen wir unsere Zeit lieber dafür, unsere Kunst zu vertiefen und Mensch und Tier zu helfen.

Übrigens - schon viele Kritiker sind wunderbare Homöopathen geworden. Einer von ihnen begann mit einer Untersuchung über den „Irrweg der Homöopathie”. Es war der berühmte Homöopath Constantin Hering.


Für den Artikel verwendete Quellen:
[1] http://en.wikiquote.org/wiki/Arthur_Eddington

 

© Sabine Müller 2015
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Der Tropfen im Bodensee

von Sabine Müller

 

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